Architekturwettbewerb: Klimaanpassung & Nachverdichtung Ziegelwies Füssen

Innovative Ideen, Vielfalt und eine breite Entscheidungsbasis erhoffte sich die Stadt Füssen, als sie Anfang 2021 einen EU-weiten Architektenwettbewerb für die Modernisierung und Nachverdichtung im Plangebiet Ziegelwiesstraße 2-16 ausschrieb.

Die teilnehmenden Architekturbüros erhielten genaue Vorgaben, welche spezifischen Bedingungen in ihrem Entwurf erfüllt sein sollen, und bekamen mehrere Wochen Zeit für die Erstellung der Entwurfspläne und Gebäude-Modelle. Aufgrund der historischen Gartenanlage an den Bestandsgebäuden und des „Ideenteils Straßenraum“ war die Mitwirkung von Landschaftsarchitekten verlangt.

Im Rahmen der Abschlussveranstaltung, dem sogenannten Preisgericht, verglich eine Jury von Fachleuten sowie Vertretern des Stadtrates die eingegangenen Entwürfe, um anhand festgelegter Kriterien die besten Planungen herauszufinden und diese zu prämieren.
Es gingen 19 interessante Entwurfspläne und Gebäudemodelle ein, welche die Preisgericht-Jury bei der Bewertung vor eine spannende Herausforderung stellten.

Am Ende überzeugte der Entwurf des Architekturbüros Kohlmayer & Oberst Architekten aus Stuttgart, der einstimmig auf den ersten Platz gewählt wurde. Um den 1.Preisträger angemessen zu würdigen, wurde kein 2. Preis vergeben.

Um auch den Bürgerinnen und Bürgern Einblick in den Architektenwettbewerb zu geben, findet im Nachgang üblicherweise eine öffentliche Ausstellung statt. Diese konnte leider aus Infektionsschutzgründen nicht stattfinden. Stattdessen präsentiert die Stadt Füssen die Preisträger auf ihrer Website.

Einen Auszug davon erhalten Sie hier.

Die Beschreibung des Siegerbeitrages

Klimagerechte Nachverdichtung der Siedlungsstruktur an der Ziegelwies

Im Füssener Ortsteil Ziegelwies soll Raum für den gewachsenen Wohnbedarf geschaffen werden. Dieser soll sich harmonisch in die Siedlungsstruktur an der Ziegelwies einfügen und das Ensemble resistenter gegenüber zukünftigen klimatischen Veränderungen machen.

Die einzelnen Bestandsbauten der Siedlung scheinen in Ihrer Komposition und Ausrichtung unterschiedlichen Randbedingungen zu folgen, bilden aber stets als Siedlung eine Einheit.

Die Neubauten ergänzen das Ensemble durch eine eigene Struktur, die das Gesamtbild respektiert und weiterbaut. Die Setzung der Baukörper gliedert die ehemalige Freifläche in differenzierte Außenräume.

Es entstehen drei neue Baukörper, die einen Großteil der neuen Wohnungen auf vier Geschossen aufnehmen. Die Baukörper bleiben unter der Firsthöhe des Bestandes zurück und staffeln sich leicht entlang des Geländes nach unten. Ähnlich einem Laubengangtypus reihen sich die Wohnungen aneinander und können auf diese Weise „durchwohnt“ werden. Sitzgelegenheiten neben den Eingängen orientieren sich in den gemeinschaftlichen Raum und begünstigen somit die Kommunikation der alten und neuen Bewohner.

Lageplan
die Regelgeschosse

Als Ergänzung zu den Loggien wird eine schmale Balkonzone vor die Häuser gestellt, die Austritte ermöglicht und den Ausblick und den Kontakt in die Gemeinschaftsflächen sucht. Sie dient außerdem als Rankhilfe für eine Fassadenbegrünung, die dem Kontext der Siedlung angemessen ist.
Die Gebäude sind barrierefrei erschlossen und die Wohnungen ermöglichen auf effizient genutztem Raum vielfältige Raumangebote.

Die Gebäude 8/10 und 16 werden analog ihrer Kubatur weitergebaut, um Raumkanten zu stärken und die angrenzenden Bestandsbauten an eine barrierefreie Erschließung anzubinden.

Die weiteren Bestandswohnungen werden durch einfache Eingriffe im Innenraum behutsam umorganisiert und ermöglichen durch zeitgenössische Wohnungsgrundrisse ein nachhaltiges Weiterbewohnen des Bestands. Auf diese Weise finden sich auch die derzeitigen Bewohner in ihren Wohnungen wieder.

Ansicht Nord-Ost
Ansicht Süd-Ost
Ansicht Süd-West
Querschnitt von Nord-West nach Süd-Ost
Querschnitt von Süd-West nach Nord-Ost

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Freiflächen

Der westliche Vorplatz mit Gemüseanbau gewinnt für das gesamte Quartier eine wichtige Rolle. Durch die Lage direkt an der Ziegelwiesstraße wirkt er vernetzend über das Quartier hinaus. Hier siedelt sich auch der Gemeinschaftsraum als Pavillon an.

Die Nutzgärten sind charakteristisch für die Siedlung und werden daher in reduzierter Form als Gemeinschaftsgärten oder vermietbare Parzellen weitergeführt. Neben dieser gemeinschaftlichen Nutzung bietet ein zentraler Außenraum Platz zum Spielen und Toben. Ein weiterer am nördlichen Bereich des Geländes gelegener Außenraum nimmt an der tiefsten Stelle des Grundstücks einen Retentionsteich auf, der mit üppigen Bäumen und Sitzgelegenheiten ausgestattet einen ruhigen Erholungsort bietet. Daran grenzt direkt der bestehende Grünstreifen an, der die nördliche Grundstücksgrenze definiert und im Rahmen des Entwurfs ergänzt wird.

Klimaanpassung

Die Gestaltung der Außenräume geht eng einher mit den Maßnahmen der Klimaanpassung. Sämtliche Flächen weißen einen möglichst geringen Grad an Versiegelung auf. Anfallendes Regenasser kann das leicht abfallende Gelände hinab geführt werden und dem Retentionsteichs und einer Zisterne zugeführt werden.

Die Wasserfläche des Teichs wirkt sich positiv auf das Mikroklima und Biodiversität aus. Das gespeicherte Wasser entlastet die Kanalisation bei Starkregenereignissen und kann für die Bewässerung der Gärten und Freiflächen wiederverwendet werden. Die Begrünung an der vorgestellten Balkonzone unterstützt den Sonnenschutz, speichert Wasser und übt sich durch Verdunstung positiv auf das Mikroklima aus.

Materialität, Tragwerk, Energiex

Die Neubauten werden als Holzbauten errichtet. Die Wohnungstrennwände sind als BSP- Massivholzwände tragend und für den Schallschutz zweischalig ausgeführt. Die Aufzugskerne steifen die Gebäude aus. Sichtbare BSH-Massivholzdecken sind auch im Innenraum erlebbar und werden durch einen Parkettboden ergänzt.

Die opaken Fassaden aus vertikaler Holzlattung zitieren die Sockelzonen der Bestandsbauten durch schmalere Bretter im Bereich des Erdgeschosses. Ein flachgeneigtes Stehfalzdach schließt die Baukörper nach oben ab und ist in den oberen Wohnungen erlebbar.
Die vorgelagerte Balkonzone schließt an die Tragkonstruktion an wird zusätzlich von vertikalen Holzstützen gestützt. Die daran befestigte Absturzsicherung unterstützt außerdem als Rankhilfe.

Die Bestandsbauten werden sensibel modernisiert. Ihre Fassaden werden durch neuwertige Holzfenster und Innendämmputz bauphysikalisch ertüchtigt. Die Dachkonstruktion wird vollständig durch ein Sparrendach mit Zwischensparrendämmung ersetz. An den erweiterten Bestandsbauten wird die Balkonzone ebenfalls filterähnlich ergänzt. Auf diese Art gelingen auch das Nebeneinander und der Dialog der Erscheinungsbilder aus alt und neu.

Die gemeinsame Tiefgarage mit Nebenräumen ermöglicht eine zentrale Energieversorgung mittels BHKW. Daran können neben den Neubauten auch die Bestandsbauten angebunden werden.

© Text und Zeichnungen: Kohlmeier Oberst Architekten

Protokoll des Preisgerichts vom 16.9.2021

Erster Preis (im Wettbewerb lfd. Nr. 1009)

Kohlmayer Oberst Architekten GbR
Johannesstraße 75
70176 Stuttgart

gemeinsam mit

Büro Markus Herthneck
Planungsgemeinschaft Landschaftsarchitektur
Reinbeckstrasse 3a
70565 Stuttgart

Dritter Preis (im Wettbewerb lfd. Nr. 1003)

Bogevischs Buero
Architekten & Stadtplaner GmbH
Schulstraße 5
80634 München

gemeinsam mit

Bauchplan
Landschaftsarchitekten und Stadtplaner
Severinstrasse 5
81541 München

Anerkennung (im Wettbewerb lfd. Nr. 1016)

Beer Bembé Dellinger
Architekten und Stadtplaner GmbH
Hauptstraße 18
86926 Greifenberg

gemeinsam mit

Burkhardt | Engelmayer Mendel
Landschaftsarchitekten Stadtplaner Part mbB
Fritz-Reuter-Str. 1
81245 München

Anerkennung (im Wettbewerb lfd. Nr. 1018)

Studio Urbane Strategien GmbH
Leipziger Platz 2
70197 Stuttgart

gemeinsam mit

Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg
Bernstorffstraße 71
22767 Hamburg

Downloads & Links

Siegerbeitrag

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Protokoll des Preisgerichts

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